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23. November 2017 | dm startet heute auf der Marktstätte

Götz Werners Drogerie mit moralischem Mehrwert

Konstanz (gro) Mit einem dreitägigen Eröffnungsfest ist auf der Marktstätte ein neuer dm-Markt gestartet worden. Es ist der fünfte in Konstanz. Auch dieser Markt, das lässt sich jetzt schon sagen, wird erfolgreich sein. Götz Werners Konzept einer Drogerie-Kette mit moralischem Mehrwert geht auf. Das anhaltende Engagement des Europa-weit agierenden Einzelhandelsunternehmens beschert Konstanz ein frisch saniertes Haus in zentraler Lage und noch mehr Zustrom von Kunden aus der Schweiz. Gemäss dem Motto, über Menschenfreundlichkeit nicht nur zu reden, sondern konkret zu handeln, werden 5 Prozent des heutigen dm-Gesamtumsatzes für die Bildung von Kindern und Jugendlichen spendiert.

Eine Zeitlang im Schatten eines kleinen Kulturkampfes

Das Projekt eines neuen Drogerie-Marktes stand Monate lang im Schatten eines Kulturkampfes, angeführt von dem ehemaligen Sportjournalisten Lutz Rauschnik und wirkungsvoll unterstützt von Theater-Intendant Christoph Nix. Es blieb ein kleiner Kulturkampf, beschränkt aufs linksrheinische, historische Zentrum der Stadt, auch wenn sich neben dem „Südkurier“ die „Stuttgarter Zeitung“ und sogar „Der Spiegel“ des Themas annahmen. Tenor der kritischen Berichte: So werden deutsche Innenstädte der Kommerzialisierung geopfert. Das Opfer war in diesem Falle ein altehrwürdiges Lichtspielhaus, das seit 38 Jahren bestehende Scala-Kino (das allerdings seit langem unter anhaltendem Besucherschwund litt).

Jede Menge Kultur im engsten Umkreis

Dass ausgerechnet das historische Zentrum von Konstanzer als Beispiel für den „kulturellen Ausverkauf“ deutscher Innenstädte herhalten musste, ist absurd. Schliesslich befinden sich in diesem historischen Zentrum im engsten Umkreis ein modernes Grosskino, in dem man sich täglich etwa 10 verschiedene Filme anschauen kann, ein renommiertes Theater mit festem Ensemble, dazu eine experimentierfreudige Werkstattbühne, ein Jugendtheater und zwei Kulturzentren (darunter ein alternatives), das Alte Rathaus als Heimstatt der Südwestdeutschen Philharmonie, das Rosgartenmuseum, die Wessenberggalerie, der Kunstverein, das Naturmuseum im Sealife-Center und die Stadtbücherei. Hinzu kommen: eine Filiale der Grossgalerie Mensing, eine so genannte Zimmerbühne und, last but not least, mit der Galerie Geiger ein weltweit angesehenes Unternehmen für die Vermittlung zeitgenössischer Kunst. Ergänzt wird das Angebot unter anderem durch die Internationalen Orgelwochen mit herausragenden Organisten aus aller Welt, durch ein alljährliches Kulturfest, ferner durch das Bodensee-Musikfestival und auch durch Ateliers von Künstlern und durch regelmässige Marktereignisse mit künstlerisch-kultureller Ausrichtung.

Über 1000 Quadratmeter und 33 neue Arbeitsplätze

Was Konstanz neben mehr Wohnungen am meisten nötig hat, sind Arbeitsplätze. dm schafft mit dem neuen Drogeriemarkt an der Marktstätte 33 zusätzliche Stellen in der Innenstadt. Das neue Geschäft hat 1025 Quadratmeter Verkaufsfläche. Hinzu kommen Räumlichkeiten fürs Personal und Lagerräume. Ein Paradestück der grosszügig mit breiten Gängen ausgestatteten dm-Filiale ist der zentral angeordnete, luftig-transparent wirkende Aufzug im Zentrum zwischen den Regalen und den breiten Aufstiegen des Drogerie-Marktes in die Obergeschosse.

Luftballons, Popkorn und geschminkte Kindergesesichter

Der kleine „Kulturkampf“ im Vorfeld wird die Eröffnungs-Festivitäten kaum beeinflussen. Zudem hatte sich der bürgerliche Unwille nicht gegen einen weiteren dm-Markt gewandt, sondern gegen Stadtverwaltung und Gemeinderat. Die öffentlichen Institutionen, so die Kritiker, hätten sich zu wenig dafür engagiert, ein altehrwürdiges Kino zu erhalten. Den Kindern, die sich heute im neuen dm-Markt ein lustiges Gesicht aufschminken lassen, ist das sowieso egal. Und die bunten Luftballons, ein Tütchen Popcorn und das eine oder andere Begrüssungs-Geschenk am Rande eines Glücksrads werden sich die Besucher des neuen Marktes gerne „aufdrängen“ lassen. Und wer auf mehr hoffen möchte, kann sich an der Verlosung eines Fahrrades beteiligen.

Bild: Frieder Schindele




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Ein Kommentar

  1. 1. Bruno Neidhart

    Der Scala-Abgang ein Kulturverlust? Dieses Programmkino auf der kommerziell pulsierenden Marktstätte war ebenso ein “Mehrwert” - halt ein etwas anderer! Zum Ende hin funktionierte das Lichtspielhaus allerdings eher als “architektonisch-kulturelle Dekoration”, interpretiert man den vom Kinobesitzer festgestellten “anhaltenden Besucherschwund”. Das nachlassende Interesse hatte dann auch zur Folge, dass die “immobile Neuorientierung” der Hausbesitzer das Führen eines Kinos an dieser Stelle infrage stellen musste. Zumal die Gelegenheit bestand, zu retten was zu retten ist, d.h., das “programmierte Kino” ins fußläufig fünf-sechs Minuten entfernte Grosskino des Einkaufszentrums Lago zu verlagern. Mit deutlich weniger Objektcharme - o.k.! -, aber erklärt gleichen kulturellen Inhalten wenigsten in einem der vielen Säle. Vielleicht trägt sich dort für den Betreiber das Kinoereignis für überzeugte Cinéasten dieses Genres. Oder es kann mindestens querfinanziert werden.

    Als Muster eines “kulturellen Ausverkaufs deutscher Innenstädte” muss Konstanz indes nicht herhalten. Das ist oben gut beschrieben (gro). Solitäre Programmkinos ohne größere Subventionen zu unterhalten ist dann möglich, wenn die Schar derer, welche sich dafür interessieren, entsprechend gross ist, gleichzeitig die Programmgestalter geschickte Kompromisse eingehen, um das Kommerzielle einigermassen im Gleichgewicht zu den Kosten zu gestalten. Kleines Beispiel: Unser (ziemliches) Programm-Kino im Kiez (Pankow) zeigt neben aussergewöhnlichen, begrenzt kommerziellen bis unkommerziellen Filmen auch ständig erfolgreiche Kinderfilme. Da spazieren dann ganze Kitas, Schulklassen oder Familien heran. Dies hat zudem den schönen Effekt, Kindern das “originale Kinoerlebnis” schon frühzeitig als eminenter Bestandteil von “Kultur” erleben zu lassen. Vielleicht trägt es lebenslang.

    Der kleine Konstanzer Kampf um den “kulturellen Ausverkauf” traf neben den oben beschriebenen Akteuren besonders auch das “kulturelle Herz eines linken Stadtrates”. Bemerkenswert dabei war allerdings, dass es ihm eher um den OB zu gehen schien, gleichzeitig der zukünftige Raummieter als tausenfacher Filialenmacher voll ins politisch zu hinterfragende Schema passte. Ein Nebenschauplatz.

    Es mag schon sein, dass der anstehende Austausch des Mieters an dieser potentiellen Stelle der Marktstätte etwas spät vermittelt wurde. Daher gerieten die kulturellen Reaktionen “eines ehemaligen Sportjournalisten, eines gegenwärtigen Theaterintendanten und eines linken Kultursachverständigen”, sowie der losen Schar von echten Cinéasten dann auch kleinstädtisch ruppig-aufklärererisch. Gehört zu solchen Aufschreien. War erträglich.

    Im Kern darf schon davon ausgegagen werden, dass letztlich die “kulturell Enttäuschten” es nicht vermochten, doch noch ein kräftiges Gegengewicht zu inszenieren, um diese “Immobilienangelegenheit” einer anderen Zukunft zu zu führen. So gewann final ein klassischer Filialist. Es ist dies - man darf es durchaus kritisch sehen - ein sich erstaunlich multiplizierendes Muster unserer Gegenwart. Es ist längst auch in Konstanze angekommen. Dadurch Konstanz jedoch als kulturelle “no go area” titulieren zu wollen, wäre indes tatsächlich “absurd”!

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