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24. Dezember 2018 | Problemfall Bodenseeforum

Die Missgeburt an der Reichenaustrasse


Konstanz
(gro) Das so genannte Bodenseeforum an der Reichenaustrasse verschlingt seit seiner Inbetriebnahme im Oktober 2016 pro Tag durchschnittlich etwa 10.000 Euro, egal, ob im Forum jemand tagt, Musik hört, feiert oder ob es, wie so häufig, veranstaltungslos vor sich hin dämmert. Oben drüber amtet die Industrie- und Handelskammer (IHK), und das ist das einzig Gute an dieser baulich hübschen Missgeburt zwischen Seerhein und Reichenaustrasse. Immer mehr Konstanzer fragen sich inzwischen, ob es nicht sinnvoll wäre, der IHK die beiden Forums-Geschosse zuzuschlagen, ja, sie der Kammer zu schenken. Hin und wieder eine Tagung brächte auch die IHK zuwege. Und die Stadt wäre nicht länger gezwungen, jeden Tag einen Sack voll Steuergelder zu versaubeuteln.

Rettung ist möglich, kommt aber teuer

Andererseits stünde ein Kongress- und Veranstaltungshaus der grössten Stadt am Bodensee recht gut. Doch dann müsste aus der Missgeburt ein funktionierender, dreifach gegliederter Grossbetrieb entstehen. Das käme teuer, wäre aber sehr wahrscheinlich eine Investition, die sich langfristig lohnte. An der Nordseite des bestehenden Bauwerks wäre als Angelpunkt ein Kongresshotel zu errichten, das die funktionelle Brücke bildete vom heutigen Forum zum Konzertsaal, der auf dem daneben liegenden, bereits angekauften Freigelände Platz fände. Grob geschätzt wären dafür insgesamt mindestens 35 Millionen Euro nötig. Finanziell wäre das, auch mit Unterstützung der Landesregierung, durchaus machbar. Aber dafür braucht es Mut und Sachverstand. Beides ist nicht in Sicht.

Die Missbildungen zeigen sich im Detail

Die ersten Wirtschaftspläne fürs Bodenseeforum entpuppten sich als grobe Fehleinschätzungen. In den vergangenen zwei Jahren mussten Millionen Euro nachgeschossen werden, um drohende, nach dem kommunalen Haushaltsrecht unumgängliche Nachtragszahlungen zu leisten. In diesem Detail offenbart sich eine Fehlkonstuktion des Bodenseeforums. Wäre es nicht als kommunaler Eigenetrieb verfasst, sondern etwa als städtische GmbH, könnten stattdessen Kredite aufgenommem werden, die sich steuermindernd auswirkten, ganz abgesehen von einem freieren unternehmerischen Wirtschaften.

Es gab jede Menge warnende Hinweise

Natürlich hat Michel Mauge, Europa-weit erfolgreicher „Mister Kongress“, der in der Anfangsphase, ab November 2016, als Berater engagiert war, auf solche und ähnliche Unzulänglichkeiten aufmerksam gemacht. Auch darauf, dass der grosse Saal nur eine lichte Höhe von 6 Metern hat und dass deshalb grössere Events mit Show-Charakter und Bühne kaum stattfinden werden; die übliche Mindesthöhe für solche Veranstaltungen liegt bei 12 Metern. Und nach oben, in die IHK hinein, ist eine Erweiterung nun mal nicht möglich. Negativ auch, dass es keine Möglichkeit gibt für eine tribünenhafte Anordnung der Sitzplätze. Die Projektion eines einzeln auftretenden Musikers auf eine Leinwand, wie unlängst beim Gastspiel des Gitarristen Al di Meola praktiziert, ist kein ausreichender Ersatz für die freie Sicht auf den Künstler.

Statt drei Hotels waren es schliesslich 23 Konstanzer Herbergen

Die Stadt hat Michel Mauge seinerzeit, im November 2016, auch deswegen engagiert, um von seinen Verbindungen zu profitieren. Und tatsächlich gelang es „Mister Kongress“ zum Beispiel, den weltweit führenden Hochdruckreiniger Kärcher für eine einwöchige Tagung zu gewinnen, für einen Kongress, zu dem sich insgesamt rund 400 Teilnehmer aus aller Welt in Konstanz hätten einfinden sollen. Die Tagung wäre im vergangenen Dezember über die Bühne zu bringen gewesen. Man bedauerte bei Kärcher zwar, dass es nicht einmal für den „Harten Kern“ ein Kongresshotel gab, wollte aber trotzdem in Konstanz tagen, bat jedoch darum, die Tagungsteilnehmer auf höchstens drei oder vier Hotels zu verteilen. Die Stadtverwaltung wurde vom BoFo um Mithilfe gebeten. Abgeliefert wurde ein Vorschlag mit einer Liste von 23 Hotels. Kärcher sagte ab. Nicht nur für Mauge ist der Vorgang typisch dafür, dass das Bodenseeforum in der Kommunalpolitik ungenügend (Note 6!) verankert ist.

Vor allem Hiobsbotschaften aus dem BoFo

Es waren vor allem schlechte Nachrichten, die das Bodenseeforum (meist kurz BoFo gerufen) ins tiefere Bewusstsein rückten. Etwa die Tatsache, dass das (Konstanzer!) Humboldtgymnasium seine Jahresabschlussfeier in die Singener Stadthalle verlegte und dass sich der seit Jahrzehnten im Konstanzer Konzil zelebrierte Neujahrsempfang der Kammern (Handwerkskammer und IHK) ebenfalls nach Singen orientierte. Das so genannte Forum hat bis jetzt nicht nur für Zustrom gesorgt, sondern auch für Abwanderungen. Ein wesentlicher Grund ist die Kücheneinrichtung. Sie ist so dürftig, dass bei Vollbesetzung des BoFos nicht einmal die vom Katerer angelieferten Speisen rechtzeitig angerichtet und verteilt werden können. Der aktuelle Lieferant kommt übrigens aus Friedrichshafen.

Fehler wurden von Anfang an gemacht

„Hinter her“, so heisst es, „ist man immer klüger“. Und Fehler wurden von Anfang an gemacht. Den ersten Fehler machte Uli Burchardt. Als er, 2014, für den gemeinsamen Kauf des leer stehenden Centrotherm-Gebäudes zwischen Seerhrein und Reichenaustrasse warb, das für die IHK und dazu als Veranstaltungshaus der Stadt günstig zu haben und “hervorragend” geeignet sei. Eine Bürgerbefragung sei wegen der engen Verkaufsfristen und der bevorstehenden Kammerwahl nicht möglich. Es müsse ganz schnell entschieden werden. Burchardt pries den gemeinsamen Kauf des leer stehenden Industriebaus wiederholt, auch vor dem Gemeinderat, als „einmalige Chance“, ja als „Jahrhundertchance“. Das war zuviel. Wer etwas so sehr in den Himmel lobt, auch das ist eine alte Weisheit, ist sachlich nicht überzeugt – er hat zumindest die Sorge, seine Zuhörer mit sachlichen Argumenten nicht überzeugen zu können.

Schon zwei Geschäftsführer verschlissen

Der erste Geschäftsführer des Bodenseeforums, ein Freiburger Fachmanager, schmiss nach sechs Wochen hin, angeblich wegen Krankheit, wahrscheinlich aber aus Frust und Erschöpfung. Der zweite Geschäftsführer, ein einschlägig erfahrener Schotte namens Lohmar aus Berlin, soll sich auf Wunsch der Stadtverwaltung umgehend zurück ziehen. Es heisst. das komplette, 14-köpfige Team des BoFo lehne ihn ab. Er hat auf alle Fälle einen Rekord aufgestellt: Lohmar war 18 Monate im Amt, so lange wie kein anderer Leiter des Bodenseeforums. Eine ordentliche Abfindung soll den Abschied vereinfachen.

Umgeben von Lieblosigkeit

Auch die erweiterte Stadtverwaltung nimmt das BoFo nicht ernst. Oder wie soll man es einschätzen, dass sich die Stadtwerke offenbar nicht in der Lage sehen, das Bodenseeforum ordentlich an den öffentlichen Nahverkehr anzubinden? Bahnhof ist eh keiner in der Nähe, eine Schiffsanbindung lediglich als verwaister Steg in Sicht. Man kommt zwar weg vom BoFo, wenn man das Veranstaltungshaus verlässt und unmittelbar vor dem IHK-Hauteingang mit Erfolg auf den Bus Richtung Innenstadt wartet. Er fährt zweimal die Stunde in Richtung Innenstadt, aber reichlich unpassend, der letzte kurz vor (!) 22 Uhr. Hinfahren ist noch schwieriger. Erstens auch nur zweimal in der Stunde. Die Haltestelle der Linie 14/3 befindet sich unter der Neuen Rheinbrücke, 200 Meter entfernt, und die breite Reichenaustrasse muss auf dem Weg zum BoFo überquert werden. Am besten im Abendkleid.

Was soll das?!, fragt man sich da. Hat Konstanz nun ein Stadtmarketing oder nicht? Keinen Erik Thiel mehr, der einst in Bregenz so überzeugend wirkte?

Bild: www.frieder-schindele.eu




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3 Kommentare

  1. 1. Bruno Neidhart

    Ziemlich all das, was “gro” bemängelt, hätte auf Klein Venedig unter dem damaligen OB in Grün stattgefunden. Die Bevölkerung wollte es deutlich nicht. Später kam Hektik ins Spiel. Der Mangel an Kongessmöglichkeiten, auch nach einem sinnvollen Konzertgebäude, nach einem Kongresshotel, wurde markant. Das Spiel begann von neuem. Die Stunde am Seerhein schlug. Ein Idustriebau wenigsten für Kongresse musste spontan dranglauben. So richtig daran zu glauben war einiges spekulativ. Das “Ding” zeigte sich dann rasch - besonders architektonisch, wie es scheint -, als wenig geeignet, um auf alle Bedürfnisse einer möglichen Kundschaft flexibel reagieren zu können. Daher nützte wohl auch der geschickteste Geschäftsführer nicht viel. Zumal dieser nicht über ein eigentliches Kongresshotel als Basis von Kundenentscheidungen verfügen konnte.

    Was nun - Stadt zum See? Dass es so nicht weitergehen kann, ist wohl Konsens. Ob aber ein “dreifach gegliederter Grossbetrieb” (gro) am Nordende einer Autobahnbrücke einen mehr oder weniger friedlichen Übergang in ein endgültiges Konstanzer Kongress- und Konzertsaal-Zeitalter mit beigefügtem Hotel zu schaffen vermag, liegt einigermassen in der Luft. Vielleicht stimmt bereits die Stadtgegend “dort draussen” nicht. “Die Stadt” liegt eigentlich wo anders. Sehr spannend! Frohe Weihnachten.

  2. 2. Erich Gropper

    Zum Kommentar von Bruno Neidhart

    Als es noch um den Standort Klein Venedig ging, spielte die Verkehrssituation eine entscheidende Rolle.
    Aber ansonsten handelte es sich um ein rundum überzeugendes Konzept, vor allem im Hinblick auf die ursprüngliche Planung. Hiernach sollte - ähnlich wie in Bregenz - ein schön gelegenes Areal zu einem zentrumsnahen, neuen urbanen Magneten gemacht werden. Mit Spielcasino, Kongresshotel, Konzerthalle, Bahnhaltestelle, Schiffsanleger und Tagungseinrichtungen, das Ganze eingebettet in einen grossartigen Freizeitpark, der das touristische Konstanz gewaltig aufgewertet und auch teilweise entzerrt hatte. Klein Venedig sollte endlich sein Gesicht bekommen.
    Nötig, ja unumgänglich gewesen wäre dafür eine Untertunnelung der Bahnstrecke Kreuzlingen-Konstanz Hbf, mit einem Strassentunnel, der eine stets ungehinderte Zufahrt aus dem Stadtzentrum garantiert, was übrigens Rettungsdienste und Polizei bis heute fordern.
    Die Stadtverwaltung, die ja einen Bürgerentscheid zu “befürchten” hatte, fand so wenig wie der Gemeinderat den Mut, die Ausgabe für den Strassentunnel in die öffentliche Entscheidungsfindung einzubeziehen. Das rächte sich: Der Standort Klein Venedig wurde schliesslich trotz zahlreicher Reduktionen und Kompromissvorschläge von der Bürgerschaft vor allem wegen der damals (bis heute) ungelösten Verkehrssituation abgelehnt.
    Aber zu glauben, dass ein Standort funktioniert, wenn nur die Verkehrssituation stimmt, ist nicht nur naiv, sondern dämlich. Sie, Herr Neidhart, sagen es im letzten Absatz Ihres Kommentars zur Situation des serbelnden Bodenseeforums in vornehmer Zurückhaltung, aber doch deutlich: “Vielleicht stimmt bereits die Stadtgegend dort draussen nicht Die Stadt liegt eigentlich wo anders”.
    Es ist unglaublich, dass das nicht kapiert wird.

  3. 3. Bruno Neidhart

    Die gute Erschliessung von Klein Venedig ist tatsächlich eine der Schlüsselfragen, um dieses Gelände am See als Konstanzer Jahrhundertchance zu begreifen. Hier eine breite Infrastruktur aufzubauen, wie Erich Gropper es beschreibt (”…zu einem zentrumsnahen, neuen urbanen Magneten….”), würde die Stadt zum See ganz neu prägen. Stadtplanerisch eine fantastische Aufgabe für Spitzen in Architektur und urbaner Umraumgestaltung. Es entstünde am See - sogar weit darüber hinaus - eine ziemlich einmalige Örtlichkeit. Dabei könnten neueste ökologische, ökonomische, wie auch sinnvollste ÖPNV-Erkenntnisse in die Gesamtgestaltung einfliessen. Das Ganze in Grün gebettet - etappenweise zu realisieren.

    Brauchen wir nicht. Es herrscht Grillen und Oktoberfest. Man kann es auch so sehen! Und 2013 wurde gar ein Europäischer Wettbewerb über das Gebiet ausgelobt, inklusive dem Schweizer Anteil von Klein Venedig (sogar mit einer Stegverbindung über das Gleisdreieck bis ins Herz von Kreuzlingen - zur darbenden Hauptstrasse!). Nach der Juryentscheidung wurde dann “schubladisiert” - grenzüberschreitend. Kreuzlingerseits hatte zudem unlängts der Stadtrat ein kurzes Bulletin durchgereicht mit dem Inhalt, dass die Sportplätze auf seinem Gebiet frühestens in 15-20 Jahren zur Disposition stünden, finanziell und politisch derzeit eine Verlegung also nicht machbar sei. Es wurde somit weiter vertagt. Und das bereits seit Jahrzehnten. Dann wären wir nun also schon gegen 2040, bis Entscheidendes geschehen könnte (bleiben oder verlegen).

    Woran liegt am See-Ende diese grenzüberschreitende Verzagtheit? Regiert hier die Angst vor der Zukunft? Oder ist es die (oft trügerische) Sattheit? Warum wagt es die Politik nicht (mehr), hier die grossen Chancen mutig zu erkennen und der Bevölkerung zukunftsfähige Möglichkeiten als durchaus machbar aufzuschlüsseln? Hat speziell für Konstanz die damalige Klein Venedig-Abstimmung (Konzerthaus/Kongresshaus/Hotel) derart tiefgreifende Spuren hinterlassen, dass nun ewiger Stillstand zu herrschen droht? Wird damit etwa Konzertkultur nicht an den Nagel gehängt? Fliesst das wichtige Tagungsgeschäft nun endgültig rheinabwärts davon? Wird an der Uferkante also weiter gegrillt und gejohlt und gejodelt? Die Chancen stehen ziemlich gut. Oder wird 2019 für die Stadt zum See, aller Unkenrufe zum Trotz, tatsächlch ein Aufbruch in eine neue Zeitrechnung? Bob Dylan: “The answer, my friend, is blowin’ in the wind”!

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