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7. September 2019 | Krach neben Markstätte, Gebrüll am Münsterplatz

Stadtverwaltung entschuldigt sich für Lärmbelästigung

Konstanz (gro) Seit Wochen nervt Anwohner, Touristen und Arbeitende auf der Marktstätte immer wieder ein stundenlang andauernder, infernalischer Lärm, der von der Baustelle innerhalb der Markstättenunterführung ausgeht. Es ist ein giftiges Zischen und gurgelndes Rumpeln, das manche Zeitgenossen fatal an hektisch hochgefahrene Zahnarztstühle erinnert, wie man sie aus besonders grausamen Alpträumen kennt. Die Stadt hat sich gestern in einem Schreiben an die Anwohner für die anhaltende Belästigung entschuldigt. Allerdings nicht wegen eines Ungeschicks oder wegen des Lärms an sich, sondern dafür, dass man „nicht ausreichend“ über die „aktuell durchgeführten Baumassnahmen“ informiert habe.

„Das ist Terror, Terror, Terror!“

Punktueller Höhepunkt des allgemeinen Missmuts an der Marktstätte war der wütende Ausruf eines Zürcher Bankers, der sich am Dienstag in einer der beiden italienischen Eisdielen an der Markstätte zu einem Espresso niedergelassen hatte, um im „Südkurier“ das Neueste aus dem Konstanzer Stadtgeschehen zu erfahren. Daraus wurde nichts. Denn nachdem der Mann vergeblich darauf gewartet hatte, dass der Baustellenlärm abebbe, wollte er nur noch weg. „So ein übler Lärm“, sagte der Zürcher, das sei doch „Terror, Terror, Terror!“ Legte die fälligen Münzen auf den Tisch und zog in ruhigere Gefilde der Stadt davon. Glücklicherweise nicht am Mittwoch und nicht Richtung Münsterplatz.

Geknatter und Gebrüll

Am Mittwoch dieser Woche wurde ebendort, an der Nordseite des Münsters, ein sehr hoch reichender Kran aufgestellt, der Container bis auf die Aussichtsplattform des Münsterturms hochhieven und wieder herunterholen kann. Kommandiert wurde die Installation des technischen Wunderwerks von einem fraglos temperamentvollen Kranführer, der ab 6 Uhr morgens so lautstark auf dem Münsterplatz herumbrüllte, dass mit Sicherheit die allerletzten Ratten aus den uralten Gewölben der ehemaligen Bischofskirche für immer das Weite suchten. Die übermenschliche Lautstärke war allerdings nötig. Denn noch weit vor 7 Uhr begann das heftige Geknatter eines Generators, das dann zusammen mit einer üblen A-Abgaswolke über den nördlichen Münsterplatz waberte.

Der „eigentliche Generator“ ist defekt

Wie an der Markstätte kam es auch am Münsterplatz zu etlichen Beschwerden bei der Stadtverwaltung. Dort war zu erfahren, dass der „eigentliche Generator“, der viel leiser ist, gerade ausser Gefecht sei. Darum war ein veraltetes Gerät verwendet worden, aufgebockt auf einen Kleinlaster. Mit Hilfe des Generators wurde ein Wasser-Hochdruckreiniger gespeist, mit dem ein städtischer Bediensteter die vor etlichen Jahren neu angelegte Treppenanlage rechts neben der Domschule zu säubern hatte (obwohl Liebhaber des Münsterumfeldes versichern, dass die im Aufbau befindliche Patina der Treppenanlage gut zu Gesicht gestanden habe).

Manche Touristen sind „einfach sprachlos“

Die städtischen Touristiker sollten sich solche Situationen zu Nutze machen, sagen einige international engagierte Experten, allerdings nicht ohne gehörig Ironie mitschwingen zu lassen. So wie Konstanz schaffe es derzeit kaum eine touristisch geprägte Stadt Europas, derart handfest vor einem Besuch einer Stadt zu warnen, die immerhin das „kulturelle Zentrum der Bodenseeregion“ genannt wird. Und in der Tat trifft man fast täglich auf Reisende aus Nah und Fern, die „einfach sprachlos“ sind, wie Konstanz’ unmittelbare und weiter weg wohnende Nachbarn ausgerechnet in der Hochsaison der Ferienzeit zu verärgern versteht.

Besucher dauerhaft fern haltenn?

Die gleichzeitige Verengung des Sternenplatzes, weitere Baustellen, die lautstarke Verunsicherung an der Marktstätte sowie die anhaltende Verstopfung der Altstadt rund um sämtliche Wochenenden des Jahres sei „wahrscheinlich einmalig“, fand in diesen Tagen ein Reisender aus Norwegen, der Konstanz seit vielen Jahren kennt. Die Venezianer, die unter Touristenfluten besonders leiden, sollten „von Konstanz lernen, wie man Reisende fernhält und dauerhaft vergrätzt“, sagte der Mann aus Nordwestskandinavien.

3 Millionen Euro für die Sanierung

Für die Sanierung und Neugestaltung der Marktstättenunterführung sind bis jetzt 3 Millionen Euro eingeplant in den städtischen Haushalt. Ob der Betrag reicht, alle geplanten Änderungen zu finanzieren, steht vorerst in den Sternen. Es gelang nicht, einen Generalunternehmer für die Sanierung der Unterführung zu finden. Die Stückelung des Projekts, die auch kleineren Firmen den Zugang zu Aufträgen ermöglichen sollte, brachte neue Schwierigkeiten. In dem oben erwähnten Entschuldigungsschreiben an die Haushalte, das von Uli Burchardt, dem Oberbürgermeister, initiiert worden sein soll, heisst es, die lautstarken Arbeiten zur Beseitigung alter Stahlbetonbefestigungen würden noch zwei weitere Wochen in Anspruch nehmen. Man sollte mit mindestens drei Wochen Zusatzlärm rechnen.

Bild: Frieder Schindele



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2 Kommentare

  1. 1. Géraldine Kortmann

    Oh ja. Als Anwohnerin des RIVA-Hotels und des Casinos kann ich ein Lied zum Thema Lärm singen. Oder eher frustriert krächzen. Letzteres wurde etwa 18 Monate lang lautstark saniert (Parkplatz), noch während der Bauarbeiten begann der Erweiterungsbau des RIVA-Hotels. Frühzeitige Information der AnwohnerInnen: Fehlanzeige. Besonders schlimmen und unerträglichen Lärm kündigte fortan der neue GF des Hotels den AnwohnerInnen auf Bitten an. Wir leben seit nunmehr DREI Jahren (die Straßensanierungen und ein Hausbau unmittelbar zuvor nicht eingerechnet) ununterbrochen mit Baulärm, sechs Tage die Woche, und zum Teil auch schon mal vor 7h morgens und nach 20h abends (Schwertransporte). Ruhe am Arbeitsplatz….? Fehlanzeige. Die Bauarbeiten des Vincentiusgeländes vibrieren bis in die Hochschule nebenan, was die dort arbeitenden Menschen stört.
    Dass gebaut und saniert werden muss ist verständlich. Wie das alles geplant, terminiert und den Betroffenen (nicht) kommuniziert wird hat deutlichen Optimierungsbedarf und zeugt nicht von Respekt für die BürgerInnen dieser Stadt.

  2. 2. Bruno Neidhart

    Ja-ja! Wo gebaut wird, können Unanmehmlichkeiten für Anwohner entstehen. Wer kennt das nicht. Meistens geht es um Lärm, Staub, Gestank und Mehrverkehr. Das kann schon mal ziemlich nervig sein. Wenn keine Kommunikation zwischen Verursachern und Anwohnern besteht, sollte man diese aktiv anstreben. Eine Information über das, was gerade geschieht, und was noch zu geschehen hat, ist in diesem Zusammenhang besonders wichtig. In der Regel kann bereits das zu einigen Verbesserungen führen: Betroffene sind vorbereitet, was auf sie zukommt. So gesehen ist die Anregung an den Hotel-GF schon mal sinnvoll. Vielleicht gibt es noch weitere Übereinkünfte, die positiv das Quartierklima beeinflussen könnten. Der reale Lärm als Beispiel wird dadurch zwar eher nur marginal zu beherrschen sein (es muss ja weiter gebaut werden), der “Lärm im Kopf” wird aber beherrschbarer. Denn man hat nun eine Verbindung zu den Verursachern hergestellt, kann mit ihnen diskutieren, damit vielleicht Lärm auch mal zeitlich etwas steuern (nicht vor 7 h morgens und nach 20 h abends?).

    Es gibt auch positive Beispiele: Herbst 2018 wurde bei uns auf einer Länge von einem Kilometer beide Tramschienenstränge ausgewechselt (somit nicht in Konstanz!). Alle betroffenen Anwohner wurden informiert, auf was sie sich in den nächsten Monaten einzulassen hätten. Es gab zudem Zwischenberichte. Auf den Tag genau wurden die Arbeiten beendet. Oder im Kleinen: Unter uns wurde kürzlich eine Wohnung generalüberholt. Mit Lärm und Gestank und Schmutz. Wir waren informiert, hatten eine Telefonnummer, über die wir uns bei Problemen an dem Unternehmer wenden konnten. Geht doch!

    Ein “Vibrieren bis in die Hochschule” ab Vincentius mag ja sein, Frau Géraldine Kortmann. Somit könnte man studierende Bauleute der Hochschule - zusammen mit ihrem Professor - auf die Baustelle schicken um mal zu evaluieren, wie solche Vibrationen vielleicht zu reduzieren wären (applied sience!). Gäbe nebenbei einen schönen Beitrag in einer Fachzeitschrift.

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